Der südafrikanische Künstler hat eine Kammeroper geschrieben, die bald nach Deutschland kommt. Im Interview spricht er über Migration, Revolutionsbewegungen und seinen Blick auf Südafrika.
MB: Herr Kentridge, Ihr neues, als Kammeroper konzipiertes Stück „The Great Yes, The Great No“ wurde imRahmen des Festivals D’Aix-en-Provenceuraufgeführt. Eine deutsche Erstaufführung wird es 2025 bei den Ruhrfestspielen geben. Worum geht es?
William Kentridge: Die Oper handelt von einer Schiffsreise zwischen Marseille und Martinique während des Zweiten Weltkriegs im März 1941, als Frankreich von Deutschland besetzt war und viele Künstler und ...
Irène Schweizer war die bedeutendste europäische Free-Jazz-Pianistin, eine Ikone auch der Schweizer LGBTQ-Bewegung. Nun ist sie mit 83 Jahren gestorben. Ein Nachruf
Irène Schweizer, hier fotografiert im Jahr 2016 in ihrer
Wohnung in Zürich
Foto: Christian Beutler/
Keystone/dpa
Ihre letzte Aufnahme erschien zu ihrem 80. Geburtstag im Juni 2021, mit dem TitelCelebrations. Zu diesem Zeitpunkt konnte Irène Schweizer, die Grande Dame des europäischen Free Jazz und Ikone der Schweizer LGBTQ-Bewegung, bereits keine Konzerte mehr geben. Bei den Geburtstagsfeierlichkeiten fand ein letzter Auftritt vor geladenen Gästen, Weggefährtinnen und Weggefährten, Familie und engen Freundinnen und Freunden statt.Celebrationsjedoch war ein Konzertmitschnitt von den "Nickelsdorfer Konfrontationen" 2019, als sie im Duo mit dem Schlagzeuger Hamid Drake spielte. Brillant ist Schweizers Präzision, ihr Ideenreichtum und die Virtuosität ihres Anschlags. Ihr Ton ist konzentriert, glasklar und kraftvoll, mit einer Collage aus melodischen Zitaten von Thelonious Monk und der von ihr verehrten Carla Bley, aber auch immer wieder Anklängen an den Cape Jazz, an Johnny Dyani und Dollar Brand. Viele Jahre hatte Irène Schweizer mit südafrikanischen Exilmusikern wie Louis Moholo gespielt und sich aktiv gegen die Apartheid eingesetzt.
Der Bogen ihres stilistisch weitreichenden Spiels spannte sich über fast überirdisch zärtlich anmutende Melodien wie Carla BleysIda Lupino, das zu ihren Lieblingsstücken zählte, bis hin zu an Schönberg und die Wiener Schule erinnernden Sequenzen, die über Akkordcluster in ein serielles, freies Spiel übergehen. Schweizers Herangehen an die Musik war immer ein sehr körperliches: vom Zupfen der mit Metallkugeln, aber auch durchaus mit Staubwischer oder anderen für das weibliche Stereotyp stehenden Gegenständen präparierten Saiten im Innenraum des Klaviers, über das Abwischen des Korpus mit einem Putztuch bis hin zum Attackieren der Tasten mit dem Ellenbogen oder dem gesamten Unterarm, manchmal auch mit dem Fuß.
US-Jazzdrummer Max Roach (1924–2007) wäre am 10. Januar 100 Jahre alt geworden. Daher ist es Zeit für eine Huldigung.
Der Schlagzeuger Max Roach wollte in seiner Musik auch Schwarze
Geschichte erzählen
Foto: Anthony Barboza/Getty
Images
Max Roach ist ein Jazzkünstler, der nachwirkt. Ersichtlich an dem Dokumentarfilm „Summer of Soul“ (2021) in der Regie von Roots-Schlagzeuger Questlove. Er handelt vom „Harlem Cultural Festival“, das im Sommer 1969 stattfand, es wird auch als „Black Woodstock“ bezeichnet. Der Film zeigt die aufgeladene Stimmung in den USA, ein Jahr nach der Ermordung Martin Luther Kings.
Neben Stars wie Nina Simone und Stevie Wonder tritt der Schlagzeuger Max Roach in Erscheinung. Und das aus gutem Grund: Sein 1960 veröffentlichtes Album „We Insist! Max Roachs Freedom Now Suite“ gilt als eines der ersten musikalischen Statements zur US-Bürgerrechtsbewegung.
„uNomkhubulwane“, ist das neue Album des südafrikanischen Pianisten Nduduzo Makhathini. Er setzt sich mit dem Erbe der Apartheid spirituell auseinander.
Es ist ein sonniger, etwas kühler Vormittag, als Nduduzo Makhathini in die Lobby seines Hotels am Berliner Ostkreuz kommt. Am Abend zuvor hatte er einen Soloauftritt beim X-Jazz-Festival in der Hauptstadt. Für Makhathi sind Konzerte wie Gottesdienste: Gebet und spirituelle Zeremonie.
So ist auch die Musik seines neuen Albums „uNomkhubulwane“ gedacht, das der Zulugöttin Nomkhubulwane gewidmet ist, der Göttin der Erde und des Kosmos. Es ist sein drittes Album beim US-Jazzlabel Blue Note und sein insgesamt elftes. Vorangegangene Werke hatte er auf seinem eigenen Label veröffentlicht, das er 2014 mit seiner Frau, der Sängerin Omagugu Makhathini, gegründet hat.
2020 war Makhathini der erste südafrikanische Künstler, der vom US-Jazz-Traditionslabel unter Vertrag genommen wurde. Bereits zwei Jahre später wurde der Musiker auch künstlerischer Berater von Blue Note und erster Vertreter des neu gegründeten Sublabels „Blue Note Africa“.
„The Great Bailout“ heißt das neue Album der US-Musikerin Moor Mother. Es handelt von britischer Kolonialgeschichte und ihrer Verstrickung in Sklavenhandel.
Was ist euch wichtig, „About what do you give a shit?“ fragtedie US-Künstlerin Camae Ayewa unter dem Namen Moor Motherzu Beginn ihres „Tiny Desk“-Konzerts beim Radiosender NPR am 19. Februar, als sie Auszüge ihres neuen Albums „The Great Bailout“ vorstellte. Entstanden war das Material 2020. Während der Covid-Pandemie, an ihrem heimischen Computer, hatte sie befreundete Künstler*innen gebeten, ihr Soundfiles zu schicken, die sie mit ihrer eigenen Stimme und Musik montierte.
Entstanden ist ein Gesamtkunstwerk aus Noise, Elektronik, Jazz und Gospel; eine Klangcollage als Reaktion auf die kolonialen Verbrechen Großbritanniens und dessen Umgang mit seiner Sklavereigeschichte. Konzipiert als ein langes Gedicht, als afrofuturistische Ballade über Schuld und Sühne.
Im Auftakt „Guilty“ sorgen sphärische Harfenklänge von Mary Lattimore mit einem Streicherensemble für sanfte Klangverschiebungen. Wie bei einem Wiegenlied verbinden sich darüber Gesangsmelodien von Raia Was und Lonnie Holley. Beiläufig, fast zärtlich berichten sie vom Grauen der Middlepassage auf Sklavenschiffen. Erst allmählich kommt der Sprechgesang Ayewas dazu, die auf die düsteren Ereignisse einstimmt, ein Vorgeschmack auf die Verhärtung der Musik. Noise-Flächen, Elektronik und ein Beat der wie ein Herzschlag pulsiert.
US-Jazzpianistin Myra Melford strebt auf ihrem neuen Album „Hear the Light Singing“ nach Kinästhesie. Es entstand mit ihrem Quintett.
Von Sonnenlicht ist an diesem regnerischen Januartag in Berkeley, Kalifornien, nichts zu sehen. Die Universitätsstadt an der Bay Area nahe San Francisco erhebt sich bis zu einer Spitze, über die man die gesamte Bucht überblicken kann.
Die Grauschattierungen des Pazifiks vermischen sich mit denen des Himmels, beide scheinen ineinander überzugehen. Eine Poesie des Lichts in Verbindung mit Wasser fasziniert die US-Jazzpianistin und Komponistin Myra Melford, die seit 2004 in Berkeley Komposition und Improvisation unterrichtet:Seit sie vor einigen Jahren die Zeichnungen der „Gaeta“-Serie des US-Malers Cy Twombly gesehen hatte, ursprünglich entstanden in der kleinen italienischen Küstenstadt bei Neapel, in der Twombly zuletzt lebte. Auch Gaeta erhebt sich in einer Hügellandschaft und Twombly konnte die Bucht von Neapel überblicken.
Meredith Monk ist Grenzgängerin der Künste seit den 1960er Jahren. Das Haus der Kunst widmet der 81-jährigen New Yorkerin nun eine große Werkschau.
„Blues for Tom / New York Requiem“ heißt eine Komposition von Meredith Monk für Tom Bogdan. Bogdan war Sänger ihres 1978 gegründeten Vocal Ensembles. Er hatte in den 1980er Jahren bei vielen Beerdigungen von Freunden gesungen, die an HIV verstorben waren, und sie um ein Requiem gebeten. „Blues for Tom / New York Requiem“ ist eine der wenigen notierten Kompositionen Monks, von Hand geschrieben mit weichem Bleistift, und erschienen 1993 beim Münchner Label ECM.
Ihr Requiem basiert nicht klassisch auf dem siebenteiligen liturgischen Text vom Introitus bis zum Lux aeterna. Monk verwendet Silben ohne spezifische Bedeutung, die sie als „Phoneme“ bezeichnet. „Worte“, so Monk, „weisen auf eine bestimmte Bedeutung hin. Ich mag Bilder oder Gesten, die etwas hervorrufen, aber eher eine Poesie der Sinne sind. Ich versuche, zu einer wesentlichen Kommunikation zu gelangen.“ Der Titel des Stücks benennt auch die gleichnamige Installation mit Flügel und Mikrofon, die gerade in ihrer bisher größten Retrospektive „Meredith Monk. Calling“ im Münchener Haus der Kunst zu sehen ist.
Autobiografie, neues Album und Artist in Residence beim diesjährigen Jazzfest Berlin – eine Begegnung mit dem Saxofonisten und Komponisten Henry Threadgill in New York
An diesem Spätnachmittag in Manhattanist es ruhig in der 20. Straße Ecke Gramercy Park South. Die täglichen Proteste der Schauspielgewerkschaft in der angrenzenden Park Avenue sind nur bruchstückhaft zu hören. Ahorn- und Ginkgo-Bäume säumen die Bürgersteige und tauchen die Brownstone-Gebäude in grünes Licht. An der Ecke der Second Avenue zur 12. Straße sitzen im Plant Shed Cafe junge New Yorker vor ihren cold brews und Laptops, eine Frau verkauft Blumen, die sie aus einem Kühlraum holt. Dieses Café ist ein Lieblingsort des 79-jährigen Komponisten und Pulitzer-Musikpreisträgers Henry Threadgill; hier wollen wir uns treffen.
Mit Mitte dreißig kam Threadgill 1975 aus Chicago nach New York. Er bezog eine der heruntergekommenen Wohnungen im East Village, welche die Stadt jenen überließ, die sich zum Renovieren bereit erklärten. So wohnten auch der Bassist William Parker und der deutsche Vibraphonist Gunter Hampel in diesem Viertel unterhalb der 14. Straße, das heute eine Oase im ansonsten gentrifizierten Manhattan ist, wo ein einfacher Kaffee fünf Dollar kostet, plus Steuern und Trinkgeld.
Der einflussreiche und international gefeierte Klarinettist Rolf Kühn ist gestorben. Hier erinnert sich seine Biografin an den Ausnahmemusiker.
September Song– Kurt Weill schrieb diese lyrische Komposition 1938 über einen alternden Liebenden, der sich im September seines Lebens befindet. Berühmte Adaptionen stammen von Sarah Vaughan, Nat King Cole – und vonRolf Kühn, erschienen auf dem Album Das "Is" Jazz im Jahr 1956. Ein Jahr später folgt Winner's Circle, eine Compilation gemeinsamer Sessions von Musikern, die bei einem einflussreichen Kritikerpoll geehrt worden waren. Kühn ist darauf zum ersten Mal gemeinsam mit John Coltrane zu hören, wenn auch nicht im selben Stück. Er ist gerade 28 und kurz zuvor nach New York emigriert.
Als Sohn eines Zirkusartisten wird Kühn 1929 in Köln geboren, ein Septemberkind, das im Leipziger Arbeiterviertel Lindenau aufwächst, wo seine Mutter einen Tabakladen führt. Kühn soll selbst Artist werden und erhält von seinem Vater auf eigenen Wunsch eine Klarinette. Seine bis dahin unbeschwerte Kindheit endet, als in der Reichspogromnacht von 1938 das Geschäft seiner jüdischen Mutter zerstört wird ...
Angelschnüre durch die Saiten ziehen, ohne dem Steinway zu schaden: Lyrische Töne der Berliner Klangforscherin Magda Mayas
Zuerst ist da das Gefühl, irgendwo im Nirgendwo gelandet zu sein an diesem regnerischen Berliner Samstagabend. Abseits des hippen Mitte-Getümmels mit seinen Cafés und Bars, in einer Wohngegend in Weißensee, findet sich auf einem Hinterhof das Studioboerne45. Hier also treffen sich viele Musiker aus der lebendigen Improvisationsszene der Stadt. Hier nehmen sie auf oder geben ein Konzert.